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Lemur im Interview über „Die Rache der Tiere“

Der Berliner Rapper Lemur, ehemals „Herr von Grau“ gehört wohl nicht zu denjenigen Persönlichkeiten der Szene, die Clichés – musikalisch wie optisch – bedienen. Seine Texte übersteigen das Durchschnitts-Vokabular seiner meisten Kollegen bei weitem, protzige Statuts-Symbole sucht man vergeblich. Ein Musiker also, den man gerne zum Interview über sein aktuelles Album „Die Rache der Tiere“ am Tisch sitzen hat. Wobei wir uns, was seine Musik betrifft, nicht sofort einig werden konnten. 

Wir trafen Lemur vor seinem Auftritt im B-Hof.

Jan Limpert (links) und Lemur (rechts) im Gesrpäch.

Dein Album „Die Rache der Tiere“ wirkt sehr düster.

Echt? Das ist echt mein fröhlichstes bis jetzt.

Warum denkst du, dass es dein fröhlichstes Album ist?

Na, hör dir mal die anderen an (lacht)!

Das haben wir natürlich gemacht, aber scheinbar werden wir uns da nicht einig. Wie kam’s zum Albumtitel, den Thematiken, etc.?

Ich schreibe halt immer Texte. Wenn mich etwas beschäftigt, dann schreib ich da ’nen Text drüber. So kam das zu Stande.

Das Lied „Sterben“ sticht extrem raus, weil es der erste Track auf dem Album ist, der musikalisch heiter gehalten ist, was das Arranegement betrifft und somit dem Titel widerspricht. Das bringt mich zur Frage, wie du Sound benutzt, bzw. wie das Verhältnis von Musik und Text in deiner Musik ist?

Gleichwertig, auf jeden Fall. Ich brauch ’nen Beat und lasse mich dann davon zu irgendetwas inspirieren. Bei „Sterben“ – dieser Loveboat-Nummer – hatte ich sofort diesen Refrain im Kopf (singt) „Wir werden alle sterben“. Ich habe keine klaren Intentionen dahinter. Ich mache einfach irgendwie Mucke.

Das ist dann für dich so’n automatisches Ding, was einfach so passiert?

Genau! Es steckt kein Masterplan dahinter, wie „ich mache das und das, um das zu bewirken“. Ich mache Beats und schreibe dann den bestmöglichen Text drüber, der für mich am passendsten ist.

Tragen die Tracks eine persönliche Note von dir oder versuchst du eine Message rüber zu bringen? In der heutigen Zeit kehren ja viele (Pop-)Songs in politische Gefilde zurück, was aktuellen Ereignissen geschuldet ist. Ist Musik für dich noch ein Sprachrohr, oder ist es ein Mittel Autobiographisches zu verarbeiten?

Es sind eigentlich so Moment-Fotos aus meinem Inneren. Ich mache das in erster Linie für mich. Ich habe da nicht die Intention irgendjemanden zu teachen. In dieser Position bin ich auch gar nicht. Wenn das bei jemandem irgendwas auslöst, ist das natürlich toll, aber ansonsten ist das in erster Linie für mich. Erst, wenn das jemandem gefällt, ist es toll.

Das ist dann der Gegenentwurf zu Bands, wie z.B. Tocotronic, die oft ihren Zeigefinger erheben.

Zeigefinger mag ich nicht. Ich bin jetzt nicht der große Tocotronic-Kenner. Ich hab mal ein Interview gelesen, da hat einer von denen Jim Morrison gedisst, das fand ich doof. (lacht)

Ist Jim Morrison ein Vorbild von dir?

Ich finde den halt gut. Vorbild ist er nicht. (lacht)

Ich darf dich ja gleich live erleben. Für diejenigen, die dich nicht kennen: Was darf man von einer typischen Lemur-Show erwarten?

Auf jeden Fall abendfüllende Unterhaltung (grinst). Ich durchbreche live oft die normalen Songstrukturen, die ich auf der Platte habe und mache verrückte Remixe und hab noch ne kleine Loop-Maschine dabei, mit der ich ein paar Sachen mache. Ich spiele auch manchmal Theater, wenn mir danach ist. Auf jeden Fall nicht die klassische MC-Rap-Show, die man so kennt.

Das klingt so, als würde es dir auf Tour schnell mit deinem Material langweilig werden. Du bist dann nicht der Typ, der darauf Wert legt, alles eins zu eins …

… alles eins zu eins wiederzugeben? Nein. Es ist für mich dann auch immer ein großer Spaß, mir vor der Tour auszudenken „an der Stelle erwartet das keiner. Da könnte dann das nochmal total losballern. Da kommt dann ein ganz schräger Jungle-Remix von dem Song …“ und das macht mir dann so richtig Spaß. Da kann man nochmal so richtig geschmackloses Zeug machen. Und das macht dann trotzdem richtig Spaß.

Fummelst du dann gerne auch an Tracks von anderen Künstlern herum und erstellst Remixe?

Nö, ich bin jetzt nicht so der Remixer von anderen Leuten. Also, wenn mich mal einer anfragt, gerne. Ich kann das bestimmt auch gut, aber bis jetzt habe ich glaub‘ ich kaum was geremixt.

Mir ist eine Zeile bei „Geld“ aufgefallen, die lautet: „wo ich dann Zeit vergeig‘ mit Hype gelikten Labertaschen, die über Beef und Mode sprechen“. Da ist mir die Frage in den Sinn gekommen, ob du etwas an der deutschen Musikszene vermisst, anprangerst oder sonstiges?

Es interessiert mich halt nicht, was so als großer Aufhänger verkauft wird: „Der und der hat den als Hurensohn bezeichnet. Der und der hat jetzt bei dem Klingel-Streich gemacht und will ihm vielleicht auf’s Maul hauen“. Da denk ich mir: „geil, aber geile Mucke machen die trotzdem noch nicht. Mir doch scheißegal, wer grade irgendwen Hurensohn genannt hat.“ Das ist halt Entertainment für irgendwelche Jugendliche: „Wenn der den treffen würde, würde er ihm voll auf’s Maul hauen“ und blablabla. Aber das interessiert mich halt einfach null, genauso, wie mich irgendwelche Modelinien von irgendwelchen Rappern interessieren. Das ist einfach nicht meine Welt. Aber das ist in Magazinen usw. inzwischen Hauptaufhänger und generiert Klicks und Klicks sichern wiederum den Magazinen das Überleben, usw. Das ist ein Teufelskreis und je hochgepuschter ein Skandal, desto mehr Klicks. Es gibt so viel geile Mucke und so’n Schwachsinn beherrscht die Medien. Das ist halt doof.

Ich musste ein bisschen schmunzeln, als ich erfahren habe, dass du beim Label „Kreimusik“ bist. Da ist mir zu erst der Name Robert Gwisdek, a.k.a Käptn Peng in den Sinn gekommen. Euch vereint euer breites Vokabular, bzw. die Texte, die alles andere als stumpf oder eindimensional rüberkommen. Würdest du sagen, dass du ein krasser Text-Tüftler bist? Bzw. vielleicht kannst du ja erzählen, wie lange das Texten bei „Die Rache der Tiere“ gedauert hat.

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal schreibe ich einen Text in zehn Minuten, manchmal über eine ganze Dekade (lacht). Auf dem Album sind Song-Ideen drauf, die 15 Jahre alt sind. Die haben einfach so lange im Hinterkopf rumm gesiecht bis Sie so weit waren. Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal tüftel ich rumm, manchmal scheiß ich raus. Das ist immer unterschiedlich. Das kann ich jetzt nicht so allgemein gültig sagen.

Es sind ja drei Kollabos auf dem Album. Warum genau die drei?

Na, einmal Marten Mc Fly. Mit dem häng‘ ich schon länger rumm. Den find‘ ich nen geilen Typen.

Da habe ich auch letztens ein Youtube-Video von euch gesehen, das in zwei ewig lange Teile aufgespalten ist.

Ja, genau! Da meinte Marten im Vorfeld, dass alle Interviews, die bisher mit mir geführt wurden flach und scheiße wären und er das jetzt mal selber machen möchte. Was er auch richtig geil gemacht hat! Sollte ein Format werden, ich glaube das hat er auch vor, weil der Typ ein Talent dafür hat. Feste Größe in meinem Leben.

Dann die Nazz. Wir haben uns per Chat im Internet kennengelernt. Die hat mich mal angeschrieben, die Gute. Als Sie mich angeschrieben hat, hat Sie gemeint, der und der Song hat mich von dir geflasht. Und ich hatte grade nen Song zufällig ’ne Woche vorher von ihr gehört, der mich geflasht hat. Wir haben uns gleich angefreundet und nen Song gemacht. Das gleiche gilt für FairS. Den hab ich auch vor einem Jahr kennengelernt und habe festgestellt, der wohnt bei mir um die Ecke. Auch angefreundet, supergeiler Typ. Der bringt bald auch ’ne Platte raus, auf der ich vertreten bin. Das ist alles so ein bisschen Freundeskreis.

Deine UR-Trackempfehlung:

Von mir einen Song oder generell?

Das steht dir frei, wie du möchtest.

Wie heißt dieser Giorgio Moroder Song von Daft Punk? (Lemur fragt ein Mitglied aus seiner Tour-Crew, der während des gesamten Interviews neben Lemur auf der Couch mit einem Laptop saß).

Ach, der heißt Giorgio Moroder?! Also: „Daft Punk – Giorgio Moroder“.

-Interview by Jan Limpert-