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„Heutzutage geht das echte Gefühl von Rap ein wenig verloren“

Qlasterr im Interview über ihr neues Album, Realness und Rap mit Flüchtlingen. Die Würzburger Truppe gibt es bereits seit September 2013. Im Dezember des selben Jahres veröffentlichten die beiden MC‘s Luc und Denio ihr erstes Album „15 Punkte“. Seitdem sind sie u.a. Stammgäste beim „Umsonst und Draußen-Festival“ und fester Bestandteil der Würzburger Rap- und Hip-Hop-Szene. Qlasterr spielten am 3.2. im B-Hof ein ausverkauftes Konzert mit „Retrogott&Hulk Hodn“, „Desto&Nasher“ und „DJ S-Trix“. Am nächsten Tag treffen wir Luc und Denio im Würzburger „Reu“ zum Interview. Von Jan Linpert.

Denio und Lucvor dem Reu. Denio über das Foto: "Authentisch und ohne FIlter, es passt zu Qualsterr" |Bild: UR Würzburg / Jan Limpert

Denio und Lucvor dem Reu. Denio über das Foto: „Authentisch und ohne FIlter, es passt zu Qualsterr“ |Bild: UR Würzburg / Jan Limpert

Ihr habt jemand neuen hinter den Turntables.

Der neue Dj von Qualsterr: Metro | Bild: UR Würzburg / Jan Limpert

Der neue Dj von Qualsterr: Metro | Bild: UR Würzburg / Jan Limpert

L: Den Metro kenn‘ ich durch meine Arbeit im „Café zum schönen René“, da war er DJ. Ungefähr vor einem Jahr hatten wir einen Gig in der Schweiz, den wir nicht ohne DJ starten konnten. Da haben wir ihn eingeladen. Für den nächsten Auftritt haben wir ihn angefragt und er hatte Bock mit uns zu spielen.

 

D: Es ist auf jeden Fall wichtig für eine Rap-Gruppe, dass man einen DJ am Start hat, der das ganze leitet und nicht nur Play und Stop drückt, sondern sein Handwerk beherrscht.

L: Die letzten Jahre hatten wir nie einen wirklich festen DJ. Mit Metro haben wir jetzt schon einenrelativ festen Bestandteil.

D: Er bringt seine Erfahrung und sein Know-How mit.

Eure Beats bastelt ihr aber zu 100% selbst?

L: Das macht zu 100% Denio.

D: Ich bin der Beat-Produzent bei Qlasterr. Ich sehe mich auch eher als Produzent als als Rapper. Mit 16 habe ich angefangen zu rappen, aber ich finde es wichtig, Jahre lang Erfahrung zu sammeln und zu üben, bevor man rausgeht. Man sollte sich in diese Materie reinfuchsen. Durch diese Schule sind Luc und ich gegangen. Aber da wir am Anfang keine Beats hatten, habe ich einfach angefangen diese selbst zu machen und bin mehr auf diesem Produzenten-Film hängen geblieben. Bei Qulasterr rappe ich trotzdem gerne mit auf der Bühne. Die Meinung der Leute über unsere Beats ist mir außerdem sehr wichtig, da Sound maßgebend für unser Rap-Ding ist.

Sind eure Einflüsse bei Qlasterr hörbar?

L: Bei mir nicht. Ich habe durch „Samy Deluxe“ angefangen, zu rappen und am Anfang schreibst du, was dir gerade so einfällt. Wenn jemand Gangster-Rap hört, wie z.B. „Bushido“, dann ist der Einfluss auch klarer hörbar, wenn man z.B. über Drogen rappt. Ich habe immer nur darüber geschrieben, worüber ich wirklich schreiben wollte. Bei den Beats gibt es wesentlich mehr Einflüsse.

D: Bei der Lyrik gebe ich Luc Recht. Wir wollen nicht über Frauen und Geld rappen.

L: … das ist auch nicht das, was wir verkörpern.

D: Wir reden gerne über Rap. Rap ist für mich eine verbale Auseinandersetzung mit irgendetwas. Sei es mit dem Leben oder der Konfrontation im Battle gegen einem unsichtbaren Gegner. Genau das ist uns wichtig. Vom Sound her hat sich viel verändert. Man entwickelt sich ja mit den Jahren. Beats mache ich seit 8 Jahren. Durch dieses Vinyl-Ding bin ich viel am diggen und sample sehr viel. Man kann aber nicht sagen, dass ich dabei Einflüsse aus dem Hip-Hop genommen habe. Meine Einflüsse liegen da eher außerhalb. Ich höre Soul, Bossa Nova-Platten und mittlerweile japnisches Zeugs aus den 70ern und 80ern. Das hört man dann den ganzen Tag und versucht irgendein geiles Sample rauszunehmen. Wie man die Beats, bzw. Drums setzt, ist wiederum uns überlassen. Ein bisschen eloquent, verspielt sollte es sein, damit wir gut darauf rappen können. Aber das Soundbild bei Qulasterr entsteht aus der Liebe zu Vinyl.

Mir ist bei eurem gestrigen Auftritt aufgefallen, dass ihr ihr wesentlich aggressiver klingt. Woran liegt das?

Er bastelt die Sounds von Qlasterr: Denjo | Bild: UR Würzburg / Jan Limpert

Er bastelt die Sounds von Qlasterr: Denjo | Bild: UR Würzburg / Jan Limpert

L: Wir haben damals angefangen, Mädels- und Lifestruggle-Geschichten auf das erste Tape zu packen. Da sich das eigentlich nicht mehr geändert hat und diese Themen langweilig wurden, haben wir einfach beschlossen, nur noch zu schießen, so auf die Art „ich bin besser als du blablabla … du bist nur ein ‚Whack-MC‘, weil blablabla“.

D: Wir haben eigentlich schon immer gebattelt, bereits mit 16. Wir hatten viel zu verarbeiten: Luc ist reisen gegangen, ich hab mich in die Beats eingefuchst. Wir sind mit der Musik gewachsen und da gab es viel zu erzählen und viel zu verarbeiten. Aber am Ende des Tages ist es immer noch Rap und jedes Mal zu erzählen, wie ‚broke‘ man ist …

L: … ist einfach langweilig! Über diese Life-Themen haben wir dann mit „Kein Regen in der Wüste“ einfach einen Cut gesetzt. Das hat einfach nochmal zusammengefasst, wie unser Leben gerade ist und das ändert sich auch nicht gerade. Wenn wir in 10 Jahren noch rappen – wovon ich stark ausgehe – dann machen wir vielleicht mal wieder einen Track, z.B. über’s Vater sein, heiraten oder so.

D: Auf den Tapes wird auf jeden Fall wieder Life-Shit dabei sein, aber in erster Linie geht es uns um Rap. Heutzutage geht das echte Gefühl von Rap ein wenig verloren. Wir wollen, dass es wirklich um die Lyrik geht. Um die Setzung von Reimen, um Reimschemata. Das ist echt nicht unwichtig! Leute können über Shit reden, aber wenn sie nicht rappen können, dann ist es in unseren Augen einfach nichts!

Beide: „Wir rappen über echten Shit und du nur über Liebe. Qlasterr immer voll auf’s ganze gehen, so wie Evel Knievel.“

Woher stammt diese Line?

L: Das stammt von einem neuen Song, „16 Punkte“, der auch auf’s neue Album kommen wird. „15 Punkte“ hattet ihr ja schon als Track auf eurem Debut.

L: Genau, und „15 Punkte“ hieß auch unser erstes Tape.

D: Wir haben das 2013 im Juz, in der Schule in Gerbrunn aufgenommen. Wir dachten uns damals: wir sind Rookies und geben uns auf das Album ne eins. Das nächste Album wird den Untertitel „Abitur“ tragen. Wir graduaten also ein bisschen … Ein wenig Kanye West-Style …

L: (lacht) “The College Dropout”! Ja, schon ein wenig!

D: Es geht für uns nur um den Fortschritt. Deshalb „16 Punkte“ als Song-Name und Abitur als nächster Album-Untertitel.

Was darf man vom neuen Album erwarten?

D: Es ist immer eine Soundfrage. Da bin ich sehr wählerisch. Manchmal gefallen mir die Beats nicht, es passt nicht zur Zeit … Manchmal liegen Beats 4 Jahre auf der Festplatte. Wir haben uns im September eine Woche lang bei mir in Berlin eingesperrt und durchgerappt und uns auf Beats festgelegt. Im letzten halben Jahr konnte ich mir nochmal im Klaren darüber werden, wie unser Sound werden sollte. Ich bin ein Fan von guten Releases und möchte deshalb nichts überstürzen. Jetzt ist der Sound mehr oder weniger klar. Das neue Tape soll „Status Quo“ heißen …

L: … mit dem Unterpunkt „Abitur“.

D: 10 bis 15 Tracks. Wir sind eigentlich Live-MC’S, eine live-affine Truppe. Deshalb hört man von uns auch nicht so viel im Internet, obwohl das ganze Social-Media-Ding wirklich wichtig wäre.

L: Anfang April sollte das Album draußen sein.

D: In zwei Monaten werden alle hören können, wie unser „Status Quo“ aussieht.

Wie sieht es mit Kollabos auf „Status Quo“ aus?

D: Es wird der „Laute Gast“ vertreten sein. Ich arbeite gerade mit dessen Produzent, Quendolin Fender zusammen. Vor zwei Jahren haben wir mit ihm einen Track aufgenommen, den wir auf’s Tape hauen werden. Luc hat mit ihm ja damals im Juz schon viel zusammengearbeitet. Außerdem gibt’s noch Paula, eine befreundeten Rapperin aus Würzburg. Mit ihr waren wir letztes Jahr ein wenig unterwegs, jetzt lebt sie in Köln. Ihre Files haben wir auf dem Rechner. Sie hat bereits mit uns aufgenommen und der Beat steht immer noch. Den Song haben wir gestern beim Konzert im BHof gespielt, heißt „Ist es so“ und hat einen Oldschool-Beat. Aber generell läuft es so ab: Ich zeige, was ich als Produzent mit den Beats drauf habe, Luc gibt seine eloquenten Themen dazu, ich steuere meinen Gast-Part als Rapper bei und dann ergibt das eine runde Sache.

Wie schätzt ihr die aktuelle Situation der deutschen Rap- und Hip-Hop-Szene ein?

Er ist der dritte im Bunde: Luc | Bild: UR Würzburg

Er ist der dritte im Bunde: Luc | Bild: UR Würzburg

L: Grundsätzlich vermisse ich genau das, was wir liefern.

D: Und genau deshalb machen wir, was wir machen.

L: Ich meine, seit einem Jahr ist Trap-Musik relativ groß. Trap ist aber losgelöst von den Rap-Wurzeln. Das höre ich mir gerne beim Feiern an und hab dann auch einen coolen Abend, aber ansonsten …

D: Kids rappen von Geld, Frauen, von einem Status. Die ganze Ehrlichkeit geht dabei aber völlig verloren. Wir können damit nicht viel anfangen. Es gibt immer noch die Leute, die das ‚real  keepen‘, wie z.B. „Retrogott. Wir schauen uns andere Leute schon an, aber was in den Charts läuft, ist einfach bestimmt für die breite Masse. Hip-Hop ist etwas untergrundmäßiges und wir wollen  nicht den Mainstream bedienen.

L: Jeder zweite Rapper spricht davon, dass er ’ne Waffe trägt, aber die haben noch nie eine gesehen! Früher war das noch authentisch, als „Sido“ und „Bushido“ rauskamen, denn die kamen aus dem Block. Doch jetzt erzählt der scheinbare Gangster-Rapper aus Charlottenburg, wie er Drogen vertickt.

D: Ob diese Rapper ’ne schlimme Kindheit hatten, weiß man nicht. Aber rappt bitte gescheit! „Rakim“ hat auch über Gangster-Shit geredet und damals gab es auch schon Gangster-Rapper, wie „Snoop Dogg“. Die hatten es allerdings technisch und musikalisch drauf!

L: Viele Rapper sind auch einfach dumm geworden. Die hören aus einem Text ein Wort, wie „Drogen“ und feiern es, weil es ihrem Life-Style entspricht. Aber sie hinterfragen diese Texte nicht mehr.

D: Und da sind wir wieder bei der Frage, warum wir aggressiver klingen. Denn genau das macht uns aggressiv. Wir feilen an Texten. Ich schreibe keinen ohne Triple-Rhyme. Da muss jedes Schema stimmen! Und wenn ich dann ein Kid sehe, das hunderttausend Klicks hat, aber kein Reim zu erkennen ist, dann regt mich das schon auf! Natürlich muss man mit der Zeit gehen und der Sound verändert sich, aber der Inhalt muss einfach stimmen.

Zukunftspläne?

D. Wir werden versuchen, jeden Monat eine kleine Tour zu machen. Die Platte nach jedem Konzert verteilen, usw.

L: Wir werden dieses Jahr eine Show bei „Beats and Lyrics“ spielen. Durch eine Freundin haben wir einen Gig in Gratz gegen April, Mai in Aussicht. Außerdem das „Umsonst und Draußen-Festival“ und diese ganzen Würzburger Geschichten.

D: Wir versuchen auch, nach Berlin zu expandieren, da ich dort lebe und ein paar Connections habe.

L: Wir wollen 2017 mal raus aus Würzburg.

D: Es war uns wichtig, ein solides Album abzuliefern, mit dem wir uns auch auf Live-Auftritte bewerben können.

Ihr engagiert ihr euch innerhalb eines Flüchtlingsprojekts des B-Hof.

Die Band Qlasterr beim Konzert in Würzburg | Bild: UR Würzburg/ Jan Limpert

Die Band Qlasterr beim Konzert in Würzburg | Bild: UR Würzburg/ Jan Limpert

D: Seit 2015 gibt es diese Hip-Hop Workshops im B-Hof für geflüchtete Kids. Ich habe beim ersten schon mitgemacht und es hat richtig Spaß gemacht. Ein Jahr lang habe ich dort mitgewirkt. Als ich nach Berlin gezogen bin, konnte ich leider nicht mehr regelmäßig dabei sein. Bei den Workshops saß ich mit Geflüchteten zusammen und habe versucht, ihnen das ‚Beat-Ding‘ nahezulegen. Luc hat beim Lyrik-Workshop mitgewirkt. Heute war das erste Mal, dass wir das ganze sowohl mit Flüchtlingen als auch auch mit Kids ohne Flüchtlingshintergrund machen wollten. Leider gab es zu wenige Teilnehmer. Wir arbeiten aber daran, dass es populärer wird.

In welcher Sprache wird dort gerappt?

L: Manchmal wird versucht, dass die Kids eine Hook auf Deutsch mit einbauen. Jeder rappt aber meistens seinen Part in der jeweiligen eigenen Sprache.

L: Da fällt mir Khaled Al Baek ein. Er war Flüchtling, kam als Workshop-Teilnehmer und ist jetzt Workshop-Leiter. Er rappt auch öfter mal in der Kellerperle und dropt da auf Arabisch. Ziemlich

cool!

D: Themen über die gerappt werden, betreffen meist die Flucht. Viele sind ohne ihre Eltern hier. Rap ist ein Sprachrohr und auf jeden Fall ein Weg, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Wir haben ihnen vermitteln wollen, Aggressionen beim Rappen rauszulassen. Beim Beat-Workshop habe ich mitbekommen, dass viele Samples aus ihrer Heimat benutzen wollten und haben sich dadurch auch heimischer gefühlt. So nach dem Motto „Lass einen Sample aus dem Lied nehmen, das Oma immer  „Gehört hat“. Da erübrigt sich die Frage nach der Realness …

Beide: Absolut!

Eure Trackempfehlung:

L: „Ich und mein Bruder“ von „Mädness & Döll“. Ihr Album wird Killer!

D: Ich habe in letzter Zeit viel „Lumerians“ gehört. Eine Post-Rock-Band aus Los Angeles. Die haben mich überzeugt! Hört euch „Lumerians“ an!

Qulasterr im Web:

Qlasterr bei Facebook

Qualsterr bei Youtube

Infos zu den Hip-Hop-Workshops für Flüchtlinge findet ihr unter diesem Link.