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Bilderbuch etablieren Gitarrentüfteleien im deutschsprachigen Pop

Seit kurzem ist das neue Album von Bilderbuch im Plattenladen eures Vertrauens. Es heißt Magic Life und unser Musikkritiker Jan Limpert ist davon begeistert. Bilderbuch schaffen es, ihr Klangspektrum zu erweitern und auch Erinnerungen an die Karibik zu wecken.

Das Cover des neuen Albums "MagicLife" von Bilderbuch | Bild: Maschin Records/Universal Music

Das Cover des neuen Albums „MagicLife“ von Bilderbuch | Bild: Maschin Records/Universal Music

„Ich wär‘ mir selbst was schuldig, wenn ich mit so einem grenzgenialen Gitarristen zusammenspielen dürfte […] und diese Chance nicht nutze!“

Ernst im PULS-Interview 2013.

Bilderbuch scheinen das beschriebene Potenzial von Michael Krammer, a.k.a. ‚Mizzy Blue‘ auf Magic Life bewusst ausgeschöpft und facettenreich in Szene gesetzt zu haben.
Bislang beziehen sich die Stimmen zu Bilderbuchs ‚Magic Life‘ auf politische Komponenten, ästhetische Gesten und Sexyness. Keine Frage, das sind alles dienliche Betrachtungsweisen und vor allem das Politische wird als lyrische Stilisierung angespannter Krisen-Verhältnisse in manchen Songs deutlich. Das prägende Sound-Element des neuen Albums ist jedoch die Gitarrenarbeit von Michael Krammer, a.k.a. „Mizzy Blue“.

Extravaganz ist dem Gitarrensound durchaus unterstellbar. Wohl aber nur, weil Octaver-Sounds selten in der Gitarrenlandschaft (besonders in der deutschen) hörbar zum Einsatz kommen. Da muss man schon über deutschsprachige Grenzen hinausblicken und sogar etwas in der jüngsten Musikgeschichte kramen. Paradebeispiel für besagte Octaver-Sounds ist wohl das Intro zu „When Doves Cry“ von Prince. Zu hören von 0:00 bis 0:13 hier.

Ansonsten sind diesbezüglich die Gitarristen und Songwriter Tom Morello von ‚Rage Against The Maschine‘ und Matthew Bellamy von ‚Muse‘ zu nennen. Alle drei Namen wohl nicht gerade aufgrund einer konservativen Umgangsweise mit Sounds bekannt! Und da wären wir genau bei der Eigenschaft, welche die häufig zitierte Trias aus Bowie, Prince und West mit Bilderbuch eint: der Drang nach Progress und der Mut, musikalisch etwas zu wagen. Nicht zuletzt durch die Gründung
des eigenen Labels ‚Maschin Records‘ genießen die vier Österreicher seit ihrem Album ‚Schick Schock‘ aus dem Jahr 2015 weitestgehende gestalterische Freiheit.

Bilderbuch etablieren auf Magic Life entgültig die Octaver-Sounds des ‚Whammy-Pedals‘ als ihr klangliches Markenzeichen. Zuvor waren diese bereits auf den Songs ‚Plansch‘ und ‚Schick Schock‘ zu hören. Kein Novum aber dominanter und facettenreicher im Einsatz. Damit nicht genug: Außerdem bringen die vier Österreicher das Gitarrensolo in die deutschsprachige Popmusik zurück und platzieren es als Intro, Outro und Interlude an alle möglichen Stellen auf dem Album. Gitarrenspuren bilden zum Teil ganze Fundamente für Songs. Am deutlichsten wird dies bei ‚Sweetlove‘. Song bei Youtube anhören

Dabei sind die Gitarren oftmals gar nicht so einfach als solche zu erkennen. Paradebeispiele für synthetische Verfälschungen der Saiteninstrumente sind wohl ‚I<3 Stress‘ und ‚Erzähl deinen Mädels ich bin wieder in der Stadt‘. Song bei Youtube anhören

Letzteres beinhaltet einen flöten-, bzw. trompetenartigen Sound in der Hook. Eben dieser prägnante Klang ist jedoch weder von einem Blasinstrument noch von einem Synthesizer gespielt. Wie ein Fan-Video eines Auftritts zeigt, steckt dahinter die effektbeladene Telecaster des ‚Mizzy-Blue‘. Zu sehen und zu hören ab 0:40 hier.

Klanglich also absolute Neuheiten für den deutschsprachigen Pop, für den sich Frontmann Maurice Ernst so schämt , wie in einem Interview mit ‚interview.de‘ nachzulesen ist. Neben Gitarrenklängen hat ‚Magic Life‘ natürlich eine breite Palette an diversen anderen Sounds zu bieten und steht dem Vorgänger ‚Schick Schock‘ also in nichts nach. Besonders der Kanye-West-Einfluss wird bei zwei der drei Interludes des Albums deutlich. ‚Baba2‘ und ‚Magic Life‘ lehnen sich an den Sound des ‚My Beautiful Dark Twisted Fantasy‘-Albums an, eine der Lieblingsplatten, die Maurice Ernst im Interview mit dem Diffus-Magazin nennt. Dieser Vergleich ist wohl vorwiegend der prägnanten Verwendung von ‚Auto-Tune‘ geschuldet. Song bei Youtube anhören

Ebenfalls jedoch nichts neues, wie die Single ‚Moonboots‘ zeigt. Vollkommen neu ist hingegen das Einstreuen von Karibik-Flair durch Orgeln bei ‚Bungalow‘ und Reggae-Grooves bei ‚Baba‘. Bilderbuch verstricken sich hierbei jedoch keineswegs in stilistische Brüche. Die besagten Karibik-Klänge fügen sich nahtlos auch in Gitarrenfanfaren auf ‚Baba‘ und die Orgeln in die klassischen Besetzung aus Bass, Gitarre, Drums und Gesang auf Bungalow ein.

Trotz aller Diversität klingt ‚Magic-Life‘ klanglich geschlossen. Einziges Manko: die Songs reihen sich trotz Interludes nicht wirklich nahtlos aneinander. Ob jedoch eine derartige Verbindung der Songs intendiert war, bleibt dahingestellt. Das Album funktioniert trotzdem. Bilderbuch erweitern auf ‚Magic Life‘ die klanglichen Grenzen ihrer Vorgänger-Alben und erneut lässt sich mit objektiver Gewissheit festhalten: Derartiges findet man in der deutschsprachigen Musik vergeblich!

Tracklist:
Carpe/Diem

I <3 Stress

Sweetlove

Baba2

Bungalow

Sprit ´n Soda

Erzähl Deinen Mädels Ich Bin Wieder In Der Stadt

SUPERFUNKYPARTYTIME

Investment 7

Magic Life

Baba

seakers4free

Babylon

Nachweise:

Bilderbuch Interview